10/03/2026
Nordische Geschichte
Es war einst eine Wölfin, die durch die eisigen Wälder Nordens streifte, auf der Suche nach Beute für ihre Jungen. Sie passierte einen abgelegenen Wikingerhof und blickte durch den frostigen Zaun.
Dort sah sie einen Wachhund vor seiner Hütte liegen. Neben ihm standen ein Napf Fleisch und eine Schale mit Wasser. "Der hat es gut", dachte die Wölfin. "Er muss nicht in die eisigen Wälder ziehen." – "Komm her", knurrte sie durch den Zaun, "ich will mit dir sprechen." Der Wachhund blickte auf und erwiderte: "Ich kann nicht; ich bin angebunden." Da erschrak die Wölfin: "Was, du bist nicht frei? Und ich dachte, es ginge dir so gut", sagte sie erstaunt. "Mir geht es gut", antwortete der Wachhund. "Ich bekomme täglich mein Fleisch und dazu reichlich Wasser. Was will ich mehr?"
"Und die eisigen Wälder? Kennst du sie? Und die Jagd auf Schneehasen? Die weiten Schneefelder?" – "Nein, das kenne ich nicht", antwortete der Wachhund. "Das ist schlimm", brummte die Wölfin. Und dann sagte sie mit klarer Stimme: "Die Freiheit ist das Kostbarste, was es in dieser kalten Welt gibt."
Nun wurde der Wachhund neugierig und bat die Wölfin: "Ach, so hilf mir doch, dieses enge Halsband loszuwerden und frei zu sein." – "Wie soll ich das anstellen?" fragte die Wölfin. "Wie soll ich dich befreien?"
"Du musst in der Dunkelheit über den Zaun springen und mir das Halsband mit deinen kräftigen Zähnen durchbeißen. Dann komme ich mit dir und begleite dich."
Die Wölfin empfand Mitleid für den Wachhund. So entschied sie sich, in der Nacht zurückzukehren, um ihn zu befreien. Doch der ängstliche Wachhund, von Unsicherheit geplagt, fürchtete die Freiheit mehr als seine Ketten. Er zögerte und entschied sich, in seiner vermeintlichen Sicherheit zu verharren.Die Wölfin erkannte die Tiefe seiner Ängste und verließ ihn mit einem traurigen Blick. Sie kehrte zurück in die weiten Wälder, während der Wachhund, gefangen in seiner Furcht, in seiner gewohnten Umgebung blieb.
Manche Seelen sind zu sehr an ihre Ketten gewöhnt, um den Ruf der Freiheit zu verstehen.
©Vee