23/09/2025
Ein aufklärender Post rettet meinen Historiker-Morgen! 🤗
Allerdings: Rechtsextreme haben sich schon immer eine für ihre Ziele passende Geschichte selbst gestrickt, jenseits der historischen Fakten. DAS hat wirklich Tradition!
Sehr geehrter Banner-Besitzer,
mit ehrlichem Staunen habe ich Ihr Transparent „Willkommen in Cunnersdorf – Deutsches Dorf seit 1299“ betrachtet. Wirklich bemerkenswert, wie Sie 700 Jahre Geschichte in einem einzigen, aber falschen Schlagwort unterbringen.
Darf ich? Eine kleine historische Reise, ganz ohne Eintrittspreis:
1299 – kein „Deutschland“, sondern das Heilige Römische Reich, ein Flickenteppich aus Herzogtümern, Grafschaften, Reichsstädten und geistlichen Fürstentümern. Cunnersdorf lag im Einflussbereich des Markgrafentums Meißen. Von einem „deutschen Dorf“ sprach damals niemand. Die Bauern hier mussten eher Abgaben an den Burgherren oder die Kirche entrichten.
14.–15. Jahrhundert – die Region gehörte wechselweise unter die Oberhoheit verschiedener Wettiner Linien. „Identität“ hieß damals nicht „Deutsch“, sondern „Untertan von XY“. Und wehe, der Herr wechselte – dann war man plötzlich „von einem anderen Schlag“.
16. Jahrhundert – die Reformation kam. Erst Katholisch, dann Lutherisch. Plötzlich andere Gottesdienste, andere Riten, andere Zugehörigkeiten. Identität war Religion, nicht Nation.
17. Jahrhundert – der Dreißigjährige Krieg verwüstete die Region. Schwedische, kaiserliche, sächsische, böhmische Truppen marschierten durch. Wer gerade „Herr im Dorf“ war, wechselte schneller als Sie ein Banner aufhängen können.
18. Jahrhundert – Sachsen verbündete sich mal mit Polen, mal mit Frankreich, mal mit Österreich, später mit Preußen. Identität war wechselnde Machtpolitik, keine „deutsche Beständigkeit“.
19. Jahrhundert – erst 1871 entsteht das Deutsche Kaiserreich. Da war Ihr „deutsches Dorf“ schon fast 600 Jahre alt. Also: In Wahrheit existierte Cunnersdorf sehr lange ohne Deutschland.
20. Jahrhundert – zwei Weltkriege, NS-Diktatur, Zerstörung Dresdens, sowjetische Besatzung, DDR. Und danach die Bundesrepublik, Wiedervereinigung, EU-Mitgliedschaft. Jede Epoche brachte neue Gesetze, Herrschaften, Werte, Gesellschaftsbilder. "Identität" war immer im Fluss – und das ist normal.
Gesellschaft verändert sich. Herrschaften, Religionen, Staaten, ja sogar Grenzen. Die Idee, Cunnersdorf sei „schon immer“ ein „deutsches Dorf“, ist so haltbar wie ein Butterfass im Hochsommer.
Wenn es etwas gibt, das Ihre Dorfgemeinschaft wirklich „seit 1299“ auszeichnet, dann ist es die Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen – an neue Strukturen, neue Ideen, neue Lebensweisen. Vielfalt und Wandel sind die eigentliche Tradition.
Ihr Banner aber tut so, als hätte Cunnersdorf in einer geschichtlichen Zeitblase existiert, als gäbe es einen unveränderlichen, „deutschen“ Kern. Historisch gesehen ist das schlicht falsch. Und ehrlich gesagt: auch ein bisschen peinlich.
Mein Vorschlag: Tauschen Sie das Banner gegen eines aus, das die Wahrheit feiert:
„Willkommen in Cunnersdorf – seit 1299 im Wandel. Offen, vielfältig, lebendig.“
Das wäre nicht nur korrekt, sondern auch zukunftstauglich.
Mit antifaschistischen Grüßen,
VEB - Meme und Sinnbildkarikaturen
PS:
1299 war die Amtssprache in Urkunden Latein, nicht Deutsch – da stand also eher „villam Conradesdorph“ o. ä. als „deutsches Dorf“.
Ein weiterer Hinweis: Falls Sie die Schwabacher Fraktur als Ausdruck von „Tradition“ betrachten – die wurde im NS-Staat erst großflächig verordnet und 1941 ironischerweise wieder verboten, weil sie als „Schwabacher Judenletter“ diffamiert wurde.
Auch hier also: historische Fehldeutung.