18/07/2025
Lebensübergänge sind mein beruflicher Fokus. Sie bedeuten immer, dass sich die Rollen verändern, die ein Mensch in seinem Leben trägt oder annimmt.
Rollen sind Aufgaben oder Positionen, die im Außen eng mit unserem gesellschaftlichen und familiären System verwoben sind. Und so bin ich vielleicht Mutter, Vater, Sohn oder Ehemann, Enkelin, Partner, Fußballerin, Angestellter, Geschäftsführerin, Hundepapa oder Solo-Selbständige.
Die Veränderung der Rollen bringt immer Herausforderungen mit sich – manche erwarten wir freudig und begrüßen sie sehr.
Doch am schwierigsten wird es meist, wenn wir eine Rolle aufgeben müssen. Wenn wir dazu gezwungen sind. Wenn das Leben uns diese Rolle vielleicht sogar entreißt – durch den Tod, durch eine Kündigung oder eine Trennung. Und auch das ist ambivalent: Manchmal mögen wir erleichtert sein. Doch sehr, sehr oft bedeutet das Aufgeben oder Wegfallen einer Rolle tiefste Trauer.
Das ist nicht banal.
Sondern zutiefst menschlich – und existenziell.
Mit unseren Aufgaben verbinden wir oft unseren Sinn im Leben.
Viele Menschen verlieren sich, wenn sie eine zentrale Position verlieren: als Mutter, als Partner, als Berufstätiger oder als „Pfeiler“ in einem System. Menschen, die in der Mitte ihres Lebens, beim Verlust ihrer Arbeit, beim Eintritt in die Rente oder beim Auszug der Kinder in ein so tiefes Loch rutschen, dass sie da zeitlebens nicht mehr herausfinden.
Denn Rollen geben Halt, Struktur. Sie sind wie Leitplanken.
Sie schenken uns Anerkennung und eine Resonanzfläche, in der wir uns gesehen, vielleicht auch verstanden fühlen.
Bei ihrem Verlust geraten wir leicht in eine handfeste Lebenskrise. Und manche von uns – tauchen nie wieder auf.
Nach außen zeigt sich das dann oft als schwere Depression, als Suchterkrankung oder als tiefe, chronische Unzufriedenheit, die alle im System trifft.
Das ist kein individuelles Versagen.
Und es wird durch ein gesellschaftliches Tabu noch verstärkt.
Wir sprechen zu wenig darüber, wenn das „Was-mache-ich?“ uns nicht mehr trägt, und wenn das „Wer-bin-ich?“ noch keine Antwort kennt.
Es ist auch ein Symptom:
Ein Symptom dafür, dass wir das wahre Leben und unsere Identität in unsere Rollen verlagert haben, statt in unsere eigene Integrität und Würde.
Und weil die Mehrheit von uns ähnlich denkt und fühlt, glauben wir, dass der Wegfall einer Rolle unseren Selbstwert beschädigt.
Doch das, was bleibt, wenn ich alle Rollen abstreife, ist eben nicht – nichts.
Was bleibt, bin ich selbst. Als Mensch, mit meiner Würde und meinem inneren Wert, auch ohne äußere Bestätigung.
Ich als der Mensch, wie er gemeint war,
der von innen heraus in aller Einfachheit sein Leben lebt.
Wir dürfen – und müssen – um den Verlust unserer Rollen trauern.
Wütend sein. Mit dem Leben hadern. Und ich weiß: Es gibt Übergänge, die sind keine neuen Wege, sondern tiefe Abgründe. Dann braucht es keine schnellen Antworten, sondern Begleitung, und einen Raum, in dem alles sein darf.
Und doch bin ich überzeugt:
Eine Veränderung der Rollen ist immer auch ein neuer Ruf an uns.
Ein Ruf, unseren Sinn im Leben neu zu definieren. Vielleicht sogar dem wahren Sinn unseres Lebens auf die Spur zu kommen, der sich nie allein in Aufgaben definieren kann, sondern tiefer greifen muss.
Vielleicht nicht heute, sofort, gleich, wenn alles akut ist. Doch auf unserem Weg durchs Leben – ganz bestimmt.
Vielleicht müssen wir lernen, dass wir unsere Werte auch auf anderen Wegen leben können. Und dass eine Rolle allein zumindest nicht dauerhaft 80 % meines Lebens ausfüllen darf. Denn dann entsteht ein Ungleichgewicht, das alles ins Wanken bringt, wenn diese Aufgabe plötzlich wegfällt.
Gleich, ob das eine Karriere ist, der Sport, ein Partner oder Kinder, die aus dem Haus gehen.
Lasst uns darüber sprechen, dass es mehr als okay ist, eine Karriere nicht mehr weiter zu verfolgen.
Dass es Teil eines erfüllten Lebens ist, neu anzufangen und Brüche im Leben zu erfahren.
Und dass es nicht nur okay ist – sondern lebenswichtig, sich immer wieder selbst neu zu finden.