17/11/2025
„Da muss man drüber stehen.“
Ein Satz, der schnell über die Lippen geht und bestimmt jede:r von uns schon einmal gehört hat.
Diesmal fiel er, als mir eine Führungskraft von einer Situation im Büro erzählte:
Ein Kunde hatte ihre Mitarbeiterin am Telefon heftig kritisiert – laut, respektlos, persönlich.
Die Mitarbeiterin war tief getroffen und brach in Tränen aus.
Die Führungskraft reagierte so, wie viele es tun würden. Sie versuchte zu beruhigen, zu beschwichtigen, schnell wieder zur Sache zu kommen. Und sie sagte den Satz, den man in solchen Momenten fast automatisch sagt:
„Da muss man drüber stehen.“
Ich fragte sie:
„Finden Sie das hilfreich, wenn Sie selbst verletzt sind – diesen Satz zu hören?
Mit dem Untertitel: Stellen Sie sich nicht so an?“
Sie schwieg kurz und meinte dann: „So hab ich das noch nie betrachtet.“
Dieser Moment hat mich wieder daran erinnert, wie tief Sprache wirken kann.
Wie leicht wir in Führungssituationen in Automatismen verfallen, wenn uns etwas unangenehm ist.
Wir wollen beruhigen, lösen, weitermachen.
Aber oft überspringen wir dabei das Wesentliche: das Menschliche.
Denn in Wahrheit braucht niemand, der verletzt ist, diesen Satz.
Was wir in solchen Momenten brauchen, ist Wahrnehmung.
Jemanden, der das aushält, was gerade da ist. Der nicht sofort bewertet, nicht bagatellisiert, sondern hinschaut.
Führung bedeutet, diese Momente bewusst zu gestalten.
Das heißt nicht, jede Emotion zu problematisieren oder jede Träne zu analysieren.
Es heißt, zu erkennen: Hier ist etwas passiert, das Wirkung hat und das gesehen werden will.
Ein reifer Umgang wäre, das Gespräch in zwei Richtungen zu führen:
Mit der Mitarbeiterin – um sie zu stärken, zu reflektieren, was sie erlebt hat, und Wege zu finden, künftig sicherer zu reagieren.
Und mit dem Kunden – um zu verstehen, was ihn so in Rage gebracht hat. Nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um Klarheit herzustellen.
Wenn ich das erzähle, sagen viele: „Aber das kostet doch Zeit.“
Ja.
Gute Führung kostet Zeit.
Aber sie spart langfristig Vertrauen, Motivation und Qualität.
Weil Menschen, die sich ernst genommen fühlen, wachsen, statt sich zu verschließen.
„Da muss man drüber stehen“ klingt stark.
Aber Stärke zeigt sich nicht im Wegsehen.
Sondern im Aushalten, im Klären, im menschlich Bleiben, wenn’s unangenehm wird.
Das ist für mich mit und eine Haltung, die nicht nur glätten will, sondern wirklich verändert.
Wie gehen Sie in solchen Situationen vor? Wann gelingt es Ihnen, wirklich hinzuschauen, statt schnell weiterzumachen?
- Imke Götz