16/08/2025
Aus dem Nähkästchen geplaudert...
Wenn ich zu einem Gespräch mit den Angehörigen fahre, weiß ich in der Regel nichts über die verstorbene Person oder die Familie. Ausnahmen sind mir persönlich bekannte Menschen (kommt zum Glück eher selten vor!), oder wenn ich in dieser Familie bereits eine Abschiedszeremonie begleiten durfte.
Auf dem Weg dorthin, höre ich kein Radio. Ich sammle mich und bin so präsent wie nur möglich im Hier und Jetzt. Vor der Türe lege ich kurz meine Hand auf mein Herz, schließe die Augen, und stelle eine imaginäre Verbindung zu dem Verstorbenen, wie auch zu den fremden Menschen her, auf die ich gleich treffen werde. Dauert wenige Sekunden, ist für mich aber ungemein wertvoll!
Das nenne ich eine Herz-zu-Herz-Verbindung herstellen (funktioniert auch in anderen Situationen sehr gut ;-)). Von meinem Herzen ausgehend fließt ein leuchtend weiß-goldener Lichtstrahl in die Herzen der anderen und wieder zu mir zurück. Oder: von meiner Seele -> zu deiner Seele. Damit verbinde ich mich und lasse mich mit offenem Herzen auf das ein, was mich dann erwartet. Weil ich auch ohne Kirche immer noch sehr gläubig bin, bitte ich (wen auch immer) um einen optimalen Austausch, bei dem sich alle wohlfühlen und ich die wesentlichen Informationen erhalte, die für eine persönliche, würdevolle und authentische Abschiedsrede wirklich wichtig sind.
Dann stelle ich alle meine "Antennen" auf Empfang - wohlwissend, dass ich in einer Art Schutzblase bin und die Emotionen nicht zu nah an mich ranlasse. Es ist ja nicht mein persönlicher Verlust und demnach nicht meine Trauer. Ich höre zu, bin da, fühle mit. Ich lerne einen Menschen kennen, sein Leben, sein Wesen, seine Familie. Es wird erzählt, erinnert, gelacht, geweint. Wir schauen Fotos an, auch Gegenstände, die wichtig waren. Ganz oft habe ich derweil eine Gänsehaut, manchmal auch einen Kloß im Hals oder ja, auch Tränen in den Augen. Ich mache mir Notizen, denn oft sind es auch zu viele Informationen, die über mich hereinfließen.
Wenn ich dann, meist nach etwa zwei Stunden, wieder nach Hause fahre, habe ich das Gefühl, einen neuen Menschen kennengelernt zu haben - und seine Familie dazu! Das ist wundervoll. Und dann beginnt meine tatsächliche Herzensarbeit: ich schreibe seine ganz persönliche Geschichte noch einmal auf, erzeuge Bilder, Erinnerungen, die als kleine Denkmäler in Herzen bleiben werden.
Dabei bin ich unkonventionell, habe meinen eigenen Stil und lasse Zahlen, Daten und Fakten nebensächlich einfließen. Mein Fokus liegt auf dem Wesen, dem Charakter, dem Einzigartigen, nicht auf einem langweiligen Lebenslauf - und schon gar nicht auf eine Krankengeschichte. Auch, wenn die letzten Wochen oft schlimm für die Angehörigen sind, gebe ich den Krankheiten nahezu keinen Raum, denn der Mensch und sein Leben wird noch einmal in die Mitte geholt.
Wenn sich dann nach der Verabschiedung die Angehörigen unter Tränen bei mir bedanken, weiß ich, dass es genau so richtig war.
Ich liebe, was ich tue!