28/11/2020
[content warning: Gewalt gegen Frauen]
Statistisch gesehen wird mehr als ein Mal pro Stunde eine Frau durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) Nein, das ist kein verspäteter Post zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt an Frauen, der am 25.11. stattfand. Das ist ein Post über uns; über einen Prozess, der uns das letzte halbe Jahr begleitet hat und den notwendigen Austritt eines Kollektivmitglieds zur Folge hatte.
An uns als Kollektiv wurde der Vorwurf herangetragen, dass ein Kollektivmitglied in einer früheren Paarbeziehung körperliche Gewalt gegen die damalige Partnerin ausgeübt habe.
Nachdem wir den Verdacht der betreffenden Person gegenüber äußerten, trafen sich drei Kollektivist:innen mit dieser zur Aussprache. Das Mitglied reagierte sofort defensiv, stritt alles ohne weiterführende Erklärung ab, drohte sogar ziemlich schnell und wiederholt rechtliche Schritte gegen die Rush GbR und Privatpersonen an.
Wir können den Vorwurf nicht mit letzter Genauigkeit überprüfen bzw. ihren Wahrheitsgehalt zu 100% bestätigen. Wir halten unsere Quellen jedoch für glaubwürdig und sind bei diesem Thema im letzten Zweifel parteiisch mit betroffenen Personen. Im Zusammenhang mit der massiven Abwehr und Drohungen uns gegenüber werten wir die Reaktion als Versuch, die Tatsachen gezielt umzudrehen und sich selbst als Opfer der Situation darzustellen. Dies ist ein gängiges Mittel von Tätern, um Taten zu relativieren.
Die Person ist unmittelbar nach unserem Klärungsversuch aus dem Kollektiv ausgetreten. Damit ist sie einem Ausschluss, den wir angesichts ihrer Reaktion für zwingend nötig hielten, zuvorgekommen.
Die fehlende Bereitschaft der Person zur Klärung, die direkte Abwehrhaltung sowie juristische Drohungen behinderten eine Aufklärung aktiv und sind mit unseren Grundwerten als Kollektiv nicht vereinbar. Der Ausschluss besagten Kollektivmitglieds aus unseren Strukturen stellt für uns nicht nur die soziale Konsequenz dar, die auf dieses Verhalten folgen sollte, er dient auch unserem Schutz als Frauen* und Kurier:innen. Wir messen dem Thema Gewalt an Frauen eine Bedeutung zu, die veranlasst, uns damit umfassend auseinander zu setzen und Stellung zu beziehen.
Gewaltakte an Frauen sind eben nicht nur persönliche Angelegenheiten, die nur Einzelne etwas angehen, sondern stellen ein gesellschaftliches Problem dar, welches auch gesellschaftlich diskutiert werden muss. Misogynie ist keine Meinung, Femizide sind keine Einzelfälle. Weghören und Schweigen können und dürfen also keine Möglichkeiten sein.
Der Prozess der letzten Monate ist uns nicht leicht gefallen, er war jedoch nötig und richtig. Wir hoffen, durch diese Veröffentlichung andere Strukturen, Buden und Kollektive dazu zu ermutigen, sich mit struktureller Gewalt gegen Frauen* und tief sitzendem Sexismus und Misogynie in den eigene Reihen auseinander zu setzen und notwendige Konsequenzen zu ziehen.
* In Leipzig betreibt der Verein Frauen für Frauen e.V. Leipzig u.A. das 1. Autonome Frauenhaus sowie verschiedene Beratungsstellen. Deren Notruf: 0341 4798179
* Deutschlandweites Hilfetelefon bei Gewalt an Frauen: 08000 166 016