27/11/2013
Fliegender Lebensretter
Von Mark Obert
Der rote Faden zieht sich durch die Stadt. Er ist das Symbol der Frankfurter Neuen Presse - und verbindet Menschen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Jeden Samstag stellen wir einen von ihnen vor - und geben dann den roten Faden weiter. Folge 48: Hans W**k. In höchster Not sorgt der 51-jährige Polizeihauptkommissar dafür, dass Hilfe naht. Als Pilot des Rettungshubschraubers Christoph 2 fliegt er Jahr für Jahr mehrere Hundert Einsätze im Rhein-Main-Gebiet.
Es liegt wohl in seiner Natur, dass er, der erlebt, was andere bis in den Schlaf verfolgen würde, von sich aus eher die schönen Seiten seines Berufs betont. Vielleicht gehört es auch zu einer bewährten Strategie, um die Seele zu schonen. Allein wenn er von seinen Feierabenden erzählt, legt sich auf seine sonst eher brummige Stimme Samt. Unter ihm quälen sich die Frankfurter in überfüllten U-Bahnen und schier endlosen Autoschlangen gen Heimat. Er steht dann über den Dingen, buchstäblich fliegt er über ihnen. Manchmal kommt er vom Westen her, von wo aus ihm die gedrängten Wolkenkratzer wie eine einzige gigantische Lichterburg erscheinen. Und dann dieser Moment, wenn er südlich der Skyline die Stadt überquert, so niedrig, dass die Dächer fast zum Greifen nahe unter ihm vorbeiziehen. Den Blick haben er und seine Kollegen exklusiv, niemand sonst darf so auf Tuchfühlung mit der Stadt fliegen. „Es ist wie eine Belobigung für meine Arbeit“, sagt Hans W**k.
Sobald er die Lichterburg passiert hat, nimmt er im Kurs auf die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik im Norden, die BGU, auf deren Dach er landen wird mit seinem Hubschrauber, mit „dem“ Hubschrauber, dem Rettungshubschrauber Christoph 2. Kein Frankfurter, der den orangefarbenen Helikopter nicht kennt, kaum ein Frankfurter, der nicht den Kopf hebt und ihm in Gedanken guten Flug wünscht, wann immer Christoph 2 über die Stadt schrappt. „Er ist ein Wahrzeichen“, sagt Hans W**k. Und Hans W**k ist einer seiner Piloten. Die Topographie der Stadt und der Umgebung hat er im Kopf, „aber da unten kenne ich mich sonst gar nicht aus“, sagt er diplomatisch auf die Frage, wie ihm Frankfurt vom Boden aus gefalle. Seit 2004 hat der Bundespolizist, Dienstgrad Polizeihauptkommissar, Christoph 2 im Griff, seine Fliegerstaffel aber sitzt im nordhessischen Fuldatal, zu Hause ist Hans W**k in der Pfalz.
Gerade ist die Sonne aufgegangen, und weil der Himmel blau und die Sicht klar ist, bietet sich dem Besucher auf dem Dach des zwölfstöckigen BGU-Gebäudes ein imposantes Bild. Wie von einem Spot angestrahlt steht da Christoph 2 und vor ihm sein Pilot, das kräftige Kreuz durchgedrückt, wie in den Boden gestampft die Füße, zu denen die Stadt liegt. Unwillkürlich kommt einem Silvester in den Sinn. Der Blick aufs Feuerwerk mag für den Feiertagsdienst entschädigen. Denkt man. Hans W**k schüttelt den Kopf und sagt es in seiner bildstarken Sprache so: „An Silvester sieht es von hier oben aus, als hätte der Teufel eine Suppe gekocht.“ Dann bittet er hinunter, in „die Insel“.
„Die Insel“, so nennt er unterhalb des Hangars und des Landeplatzes die Luftrettungsstation im 12. Stockwerk der BGU: ein Büro, Ruheräume mit Bett, eine Küche, ein Aufenthaltsraum mit Esstisch, Couch, Sessel, Flachbildfernseher. Im Regal die Fotos und Erinnerungsstücke zeugen von der mittlerweile 41-jährigen Geschichte des Rettungshubschraubers, von der Decke baumelt ein dreiradgroßes Modell des alten Christoph 2, Typ BO 105. „Das war noch richtige Fliegerei“, sagt Hans W**k und erzählt davon, wie er in der Luft gestanden hat mit der BO 105, die Nase nach unten. „Handarbeit“, sagt Hans W**k, „heute übernimmt der Computer sehr viel, vor allem wegen der höheren Sicherheit.“ Und dann blickt er hin zur alten BO und hat dabei diesen Schimmer in den Augen.
Sie sprechen ohnehin Bände, seine Augen. Auf einem Nacken wie dem eines Schwergewichtsringers ruht ein kantiger Kopf, manche Furche hat sich ins Gesicht des 51-jährigen gegraben; flüchtig betrachtet sieht er aus wie ein harter Hund, aber da sind eben diese Augen, die nicht verbergen können, was Hans W**k bewegt, was ihm behagt und was nicht. Als Insel empfindet er die Station, weil das Team - der Rettungsarzt, der Rettungsassistent und er - hier oben so etwas wie eine eigene Welt haben, eigenverantwortlich sind sie, aufeinander verlassen können sie sich. „Das schweißt zusammen“, sagt Hans W**k, „wir haben ein Super-Team.“
15000 Landungen
1400 Einsätze fliegt Christoph 2 pro Jahr, mehrere Hundert Hans W**k, 15 000 Landungen hat er schon hinter sich, ein besseres Training für die Polizeieinsätze, zu denen er ja auch eingeteilt wird, gebe es nicht, sagt er. Ein Christoph-Pilot muss brenzlige Situationen meistern, solche wie die im vergangenen Jahr auf dem Baseler Platz, als eine Straßenbahn mit einem Pkw kollidiert war. Er landet an Hängen, er landet in Vorgärten. Zentimeterarbeit. Und immer wieder sorgt er in der Umgebung für Wirbel, fliegen schon mal Blumentöpfe im Nachbargarten durch die Luft. Schadensmeldungen müssen zum Glück selten geschrieben werden, und die Frankfurter, das will er in dieser Geschichte unbedingt erwähnt wissen, seien sehr verständnisvoll. „Vielen Dank dafür.“ Dass er das betont, verwundert. Schließlich sollte jeder wissen, dass dort, wo Hans W**k auftaucht, jede Sekunde zählt.
Darum geht es doch, deshalb müssen sie einander doch blind vertrauen können, die anderen zum Beispiel seinem Urteil. Fliegen wir oder nicht? Wie ist der Wind? Wie ist die Wettervorhersage? In Frankfurt ist der Wind besonders tückisch, der Hochhäuser wegen. Und wenn über dem Rhein-Main-Gebiet eine Schlechtwetterfront aufzieht, muss Hans W**k schon mal unter einer Stromleitung hindurch, er kennt jede in der Region, er kennt jede Schneise in jedem Wald, wo er notfalls durchkommt, wenn über den Wipfeln ein Sturm tobt. Im Herbst, wenn Nebel die Sicht trübt, da starten sie oft genug trotzdem, er und sein Team. „Ein wenig Abenteuer“, sagt er. Wenn aber Schneeschauer die Sicht komplett rauben und es gar nicht mehr geht, muss er schon mal auf eine Wiese runter. Dann werden die Sekunden zu Minuten und Stunden. Und irgendwo liegt ein Patient und wartet auf Hilfe. „Das Schicksal ist schon eingetreten, wenn wir gerufen werden“, sagt er, „wir helfen, aber nicht um jeden Preis.“ Von Risikoabwägung spricht er, davon, dass niemandem gedient ist, wenn sie, um ein Leben zu retten, ihr Leben und das Unbeteiligter aufs Spiel setzen. Und doch, „natürlich“, ist da immer auch der Gedanke an die Frau im Autowrack, an den Mann, der mit einem Herzinfarkt im Wohnzimmer liegt, an das Kind, das aus dem Fenster gestürzt ist.
Vorsichtig geworden
Er hat in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, welche Einsätze ihn am tiefsten beeindruckt haben. Beeinflusst haben ihn alle. Er ist auch im Privaten vorsichtig geworden, scheut jede potenzielle Gefahr. Das geliebte Motorradfahren hat er aufgegeben, die Töchter, sagt er, seien schon mal genervt von seiner Besorgtheit. Einmal zogen er und seine Kollegen einen Jungen aus dem Wasser und versuchten wieder und wieder, ihn ins Leben zurückzuholen und wollten nicht aufgeben, und schließlich, als sie es akzeptieren mussten, sank hinter der Absperrung der Vater zu Boden und rutschte auf Knien zu seinem toten Kind. Hans W**k stand da und blickte scheinbar ins Nichts und könnte heute doch jeden Zaun, jeden Baum noch malen, so unauslöschlich hat sich die Kulisse dieses Dramas in sein Gedächtnis gebrannt. Einmal haben sie einen Winzer im Stehen intubiert, weil sein Fuß in die Fräse geraten und zermalmt worden war, weswegen sie ihn nicht hinlegen konnten. Der Winzer ist heute der Patenonkel von Hans W**ks jüngerer Tochter. Und da war dieser Tag, als sich alles gegen sie zu verschwören schien. Sommer war es und schwül, und in einem Mörfeldener Freibad waren Jungs vom Beckenrand gesprungen und verletzten ein Mädchen schwer: Verdacht auf Querschnittslähmung. So behutsam wie möglich bereiteten Hans W**k und sein Team das Mädchen auf den Transport in die Unfallklinik Frankfurt vor, da türmte sich im Westen eine gewaltige Gewitterfront auf. Plötzlich musste alles so schnell wie möglich gehen. „Fünf Minuten noch“, sagte Hans W**k zu den Kollegen, „dann können wir nicht mehr hoch.“ Vier Minuten später zog er Christoph 2 in die Lüfte und sauste, von einer Böenwalze verfolgt, im Tiefflug über den Flughafen, wo der Tower den Linienverkehr unterbrochen hatte. „Die vom Flughafen-Tower sind großartig, immer professionell und kooperativ“, sagt Hans W**k.
Was aus dem Mädchen geworden ist? Hans W**k weiß es nicht. Manchmal kommt Wochen später ein Dankesbrief, einmal schrieb eine Mutter aus der Sicht ihres geretteten Dreijährigen, „das war sehr berührend“, sagt er. Wie er es sagt, wird auch deutlich, dass zu viel Nähe zum Einzelschicksal die Schutzschicht ankratzen würde. Das Schicksal hat es ihm und seinen Kollegen einst auf unglaubliche Weise demonstriert. Die Kollegen von Christoph 7 im Nordhessischen waren zu einem Mann gerufen worden, der auf dem Fahrrad einen Herzinfarkt erlitten hatte. Sie konnten ihm nicht mehr helfen - und lasen mit Schrecken seinen Namen: Hans W**k. „Mein Bruder. Wir trugen denselben Vornamen, nur unsere Zweitnamen waren verschieden.“
Kopf frei bekommen
In einem Dorf in Thüringen sind Hans W**k und sein Bruder aufgewachsen. Die Eltern arbeiteten in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, und sie hatten auch privat Vieh und Land, da mussten die Söhne mit anpacken. „Harte Arbeit war das“, sagt er, „für richtigen Urlaub hatten wir nie Zeit.“ Heute mag er es, wenn er nach einem Tag im Garten die Knochen spürt, er hilft auch gerne Freunden und Nachbarn, wann immer sein handwerkliches Geschick gefragt ist. Und wann immer ihm Zeit dafür bleibt, schnitzt, sägt und hobelt er. Jede Menge Holzspielzeug für die Töchter hat er gebaut, einige Krippen, die filigrane Arbeit mit seinen mächtigen Händen dient ihm auch als Methode, den Kopf frei zu bekommen.
Nach der Schulzeit lernte er Fleischer, der Beruf machte ihm Spaß, doch irgendetwas zog ihn in die Luft. Also meldete er sich bei der Nationalen Volksarmee, ging zu den Grenztruppen, zur Fliegerstaffel, büffelte drei Jahre lang Physik, Mathematik, Meteorologie und wurde Pilot und gehörte fortan zu denen, die den Eisernen Vorhang sicherten. Fliegen. Er war am Ziel. Im November 1989 fiel die Mauer. „Manche meiner ehemaligen Kollegen haben der DDR zu lange nachgetrauert“, sagt er. Es ist seine Kurzversion für die vielen Ost-Biografien, die auf der Strecke geblieben sind. Auch Hans W**k hatte Angst um seine Existenz, die Ehe war jung, die Tochter war keine drei Jahre alt. Er meldete sich bei der Bundespolizei, bei den „früheren Feinden“, sagt er scherzhaft. Sie nahmen ihn, aber er musste bei Null anfangen. Also büffelte er wieder Physik, Mathematik und absolvierte Flugstunden und irgendwann, während einer dieser Stunden, spürte er einen solch immensen Druck, dass er nicht mehr weiterfliegen konnte. Dass damals ein Fluglehrer neben ihm saß, der ihm zuhörte und ihn verstand, auch das hat ihm das Vertrauen gegeben, dass er es packen würde und dass er dort, wo er war, richtig war.
Fragt man heute bei der Fliegerstaffel nach einem Christoph-Piloten für ein Porträt, kommt die Antwort so prompt, als sei sie die einzig mögliche. „Der Hans W**k ist erfahren und kann gut erzählen.“ Er selbst sagt: „Mit der Rettungsfliegerei habe ich mir einen Traum erfüllt.“ Kein Traum sei umsonst, das sagt er auch. Er ist oft und lange von zu Hause fort, in den Sommermonaten, wenn ein Hubschrauber bis in den Abend hinein fliegen kann, hat er tagelang 15-Stunden-Dienste, ganze Wochenenden verbringt er auf seiner Insel in Bereitschaft, an Weihnachten ist er oft im Einsatz. Die erste Ehe ist auch deswegen in die Brüche gegangen. Die Tochter aber, 26 ist sie, sei genauso stolz auf ihn wie seine 15-Jährige aus zweiter Ehe, „das zählt doch“. In der Pfalz, deren Menschen er für ihre Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft schätzt, hat er seine Wahlheimat gefunden. Seine zweite Frau, eine Krankenschwester, lernte er kennen, als er Christoph 5 flog, Ludwigshafen am Rhein. Heute, wenn er einen Einsatz nahe der Pfalz hinter sich gebracht hat, überquert er manchmal sein Dorf, sogar sein Haus. Und wenn seine Tochter ihn kommen hört, läuft sie hinaus auf die Terrasse und winkt ihm zu. „Wenn ich sie da sehe, weiß ich, wie glücklich ich bin.“
http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Fliegender-Lebensretter;art675,690106
Der rote Faden zieht sich durch die Stadt. Er ist das Symbol der Frankfurter Neuen Presse - und verbindet Menschen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Jeden Samstag stellen wir einen von ihnen vor - und geben dann den roten Faden weiter. Folge 48: Hans W**k. In höchster Not sorgt der 51-jährige P...