25/08/2024
Solingen und anderswo - die vielen Ebenen eines Unglücks
"Seid ihr von LAVIA Familientrauerbegleitung auch als Helfende in Solingen angefragt?" wurde ich heute morgen beim Gelsenkirchener Business-Brunch gefragt, wo auch der Justizminister Marco Buschmann anwesend war.
An dieser Stelle, mein großes Mitgefühl an die persönlich Betroffenen, Umstehenden und die Hilfekräfte.
Ich habe am Samstagmorgen von dem Unglück erfahren, am Freitagabend waren wir selbst Teilnehmende auf dem ÜckMarkt 2024 in Gelsenkirchen.de-Ückendorf.
Der Platz war voll, Menschen aus vielen Stadtteilen waren vor Ort und es war ein großes Meet & Greet, ein echtes Bürger:innenfest.
Und es wurde (auch) mir plötzlich deutlich: Ja, überall, auch hier in Gelsenkirchen-Ückendorf hätte ein Terrorakt geschehen können. Zum Glück ist es hier nicht passiert.
Das Solinger Unglück hat so viele Menschen erschüttert und bringt so viele verschiedene Themen mit, u.a.:
- Betroffenheit und Mitgefühl
- Politische Fragen
- gesellschaftliche Reaktionen, vlt. ein "über den Kamm scheren"
- Misstrauen
- soziale Ängste, reale und irreale Ängste
- persönliche Trauer bei den An- und Zugehörigen der Opfer
Als Familientrauerbegleiterin bleibe ich jetzt mal bei der Ebene der persönlich Trauernden.
Das sind diejenigen, die manchmal (nach öffentlichen Ereignissen) Hilfe bei LAVIA Familientrauerbegleitung anfragen und diese Monate bis jahrelang erhalten, auch wenn es schon längst wieder neue Schlagzeilen zu weiteren Ereignissen gibt und niemand mehr fragt: "Hey, wie geht es eigentlich der Mutter, deren Sohn im letzten Jahr in Köln mit einer kaputten Bierflasche getötet wurde?"
"Wie geht es den Eltern und Geschwistern von dem Kind, das vor 2 Jahren auf dem Schulweg vom Auto erfasst wurde?"
"Wie geht es den Kindern, deren Mama vom Papa umgebracht wurde, die nun bei Oma und Opa leben? Welche Hilfe bekommen die Kinder und auch Oma und Opa?"
Fragt sie, fragt uns, wir könnten es sagen - wenn es ein wirkliches Interesse an dem "Danach" (und die Einhaltung des Datenschutzes) gibt.
Viele Menschen denken: aber, da hilft doch die Notfallseelsorge. Wenn man bei Wikipedia schaut, kann man u.a. lesen: "Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele und somit Grundbestandteil des kirchlichen Seelsorgeauftrags." Diese erste Hilfe dauert in Deutschland in der Regel 5 Stunden und endet dann. Sie ist wertvoll und oft hilfreich, bietet aber keine längerfristige Begleitung, die in vielen Fällen notwendig ist. Wer kommt dann?
Ja, wer? ...
Wenn es euch tatsächlich interessiert: Fragt einmal im Bekanntenkreis nach, wer wen nach einem Unfall, Suizid, Mord, Kindstod oder einem anderen plötzlichen dramatischen Tod kennt - und welche längerfristige Hilfe es dort als Angebot ein, zwei Tage später gegeben hat.
Fragt auch nach, wie diese Hilfe finanziert wurde. Das ist nicht pietätlos, so etwas zu fragen, das ist wichtig zu wissen - damit man notfalls was ändern kann.
Die Erfahrung bei Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper anderen Institutionen ist es, dass selbst nach Unglücken, die in den Medien benannt wurden und viele Menschen erschütterten, Trauerbegleitung, auch für Familien, nicht finanziert wird. Dabei wären Gelder hier eher angebracht wie für eine Kranzniederlegung (was natürlich auch eine gute Geste ist).
Danke an euch alle, denen diese Finanzierungslücke bewusst ist und die ihr aus diesem Grund Unterstützer:innen seid.