12/06/2026
Licht Teil 1 Wie Licht im Lehmhaus das Wohlbefinden und die Gesundheit unterstützt
Immer wieder werden Lehmwände im Wohnraum als ausschlaggebender Faktor für die Verbesserung des Raumklimas propagiert. Gesunder Wohnraum wird durch den Einsatz von Lehm, Hanf und weiteren Naturbaustoffen deutlich aufgewertet. Doch es kommen noch mehr Komponenten hinzu, die in Synergie das Raumklima und die Lebensqualität wesentlich verbessern. Ein Hauptfaktor ist hierbei die Lichtqualität im Wohnraum.
Daher wollen wir im ersten Teil in kurzen Zusammenfassungen zuerst auf uns „Lichtmenschen“ eingehen, um dann im zweiten und gegebenenfalls dritten Teil auch auf die reinigende, katalytische und gesundheitsfördernde Kombination von Lehm und Licht zu sprechen zu kommen.
Evolutionär sind wir Lichtwesen
Der Mensch entwickelte sich unter freiem Himmel. Unser Auge und unser Hormonsystem (z. B. die Melatonin- und Serotoninproduktion) sind auf natürliches Tageslicht mit sehr hoher Intensität (bis zu 100.000 Lux an einem sonnigen Tag), einem breiten Spektrum (alle Farben des Regenbogens) und einem hohen Blauanteil (der die innere Uhr steuert) geeicht.
Wenn über längere Zeit nur wenig Tageslicht verfügbar ist – etwa durch das Leben in sehr dunklen Räumen, Schichtarbeit, lange Winter in nördlichen Regionen oder den dauerhaften Aufenthalt in Innenräumen – können verschiedene gesundheitliche Probleme entstehen. Meist handelt es sich nicht um direkte „Lichtmangel-Krankheiten“, sondern um die Folgen gestörter biologischer Prozesse.
Ein entscheidender und oft unterschätzter Aspekt unseres Sehsystems ist, dass die menschliche Sehbahn nicht nur ein einzelner Strang ist, sondern aus zwei parallelen, aber unterschiedlichen „Leitern“ mit völlig verschiedenen Aufgaben besteht.
Die zwei Sehbahnen im Vergleich
Um zu verstehen, wie Licht auf uns wirkt, hilft ein Blick auf unser Sehsystem. Dieses besteht nicht aus einer einzigen Leitung, sondern aus zwei parallel verlaufenden Systemen mit völlig unterschiedlichen Aufgaben:
• Die klassische Sehbahn (für das Bild):
Dieses System leitet Informationen primär an den visuellen Kortex im Hinterhauptslappen des Gehirns weiter. Ihre Hauptaufgabe ist das bewusste Erkennen von Formen, Farben und Bewegungen sowie das Lesen und die Gesichtserkennung. Die Verarbeitung geschieht extrem schnell im Bereich von Millisekunden. Als Lichtrezeptoren dienen hierbei vor allem die klassischen Stäbchen und Zapfen, die für ein scharfes Sehen allerdings relativ helles Licht benötigen und auf das gesamte sichtbare Spektrum ansprechen.
• Die nicht-bildgebende Sehbahn (für die Steuerung):
Diese Bahn steuert unbewusst unsere biologischen Prozesse und führt direkt zum Hypothalamus. Sie ist für die Synchronisation unserer inneren Uhr, die Hormonsteuerung und den Schlaf-Wach-Rhythmus zuständig. Die Signalverarbeitung erfolgt hier wesentlich langsamer über Minuten und Stunden. Dieses System nutzt die erst im Jahr 2002 entdeckten intrinsisch photosensitiven retinalen Ganglienzellen (ipRGCs). Diese Rezeptoren sind bereits bei sehr niedrigen Lichtintensitäten aktiv und reagieren besonders empfindlich auf blaues Licht mit einer Wellenlänge von circa 480 Nanometern.
Diese nicht-bildgebende Sehbahn arbeitet unbewusst, ist besonders empfindlich für blaues Licht und hat einen direkten, messbaren Einfluss auf unsere körperliche und seelische Gesundheit. Das ist der biologische Grund dafür, dass Lichtmangel krank machen kann und dass Tageslicht für den Menschen als „Lichtwesen“ essenziell ist.
Häufige gesundheitliche Folgen bei Lichtmangel
• Vitamin-D-Mangel: Sonnenlicht (UVB-Strahlung) ist wichtig für die Bildung von Vitamin D in der Haut. Ein Mangel kann zu Knochenschmerzen, Muskelschwäche, Osteomalazie (Knochenerweichung) und bei Kindern zu Rachitis führen.
• Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus: Tageslicht ist der wichtigste Taktgeber der inneren Uhr. Zu wenig Licht kann zu Ein- und Durchschlafproblemen, verschobenen Schlafzeiten, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsproblemen führen.
• Saisonale Depression (Winterdepression, SAD): Bei manchen Menschen führt Lichtmangel zu gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit, erhöhtem Schlafbedürfnis, Heißhunger (vor allem auf Kohlenhydrate) und sozialem Rückzug.
• Psychische Belastungen: Dauerhaft wenig Tageslicht wird mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome, Angststörungen und ein verringertes allgemeines Wohlbefinden in Verbindung gebracht, auch wenn die Ursachen oft multifaktoriell sind.
• Mögliche Auswirkungen auf Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System: Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass chronisch gestörte circadiane Rhythmen (z. B. durch fehlendes Tageslicht) mit Übergewicht, Diabetesrisiko, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen können. Der Zusammenhang ist jedoch komplex und nicht ausschließlich auf Lichtmangel zurückzuführen.
Die moderne Forschung zeigt, dass der mit Lichtentzug einhergehende Vitamin-D-Mangel systemische Folgen für fast alle Organe hat:
• Muskelschwäche und Sarkopenie: Kalzium wird für die Muskelkontraktion benötigt. Bei Lichtmangel kommt es zu Muskelschmerzen, Kraftverlust und Muskelabbau – besonders gefährlich für ältere Menschen (Sturzrisiko).
• Schwächung des Immunsystems: Vitamin D steuert die Aktivität der T-Zellen (Killerzellen der Immunabwehr). Lichtmangel führt zu einer Infektanfälligkeit für Atemwegserkrankungen (wie Grippe oder Erkältungen). Zudem wird ein Zusammenhang mit dem Ausbruch von Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) diskutiert, die in sonnenarmen Regionen der Erde deutlich häufiger vorkommt.
• Kurzsichtigkeit (Myopie) bei Kindern: Wenn Kinder zu wenig Zeit im Freien verbringen, fehlt dem Auge das helle Tageslicht. Dieses regt die Ausschüttung von Dopamin in der Netzhaut an, was das übermäßige Längenwachstum des Augapfels stoppt. Fehlt das Licht, wächst das Auge zu lang – das Kind wird kurzsichtig.
Historischer Fakt: Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert war Rachitis in den verrauchten, engen Gassen von Städten wie London eine Massenerkrankung unter Arbeiterkindern. Man nannte sie damals die „Englische Krankheit“, bevor man verstand, dass schlicht der Entzug von Sonnenlicht die Ursache war.
Wer sich viel in Innenräumen aufhält, erfährt durch Lehmwände bereits eine wesentliche Verbesserung des Raumklimas. Wie Licht jedoch nicht nur auf Menschen, Tiere und Pflanzen wirkt, sondern wie sich in der Interaktion von Licht und Lehm eine reinigende, beruhigende und erholende Wirkung im Innenraum entfaltet – und welche Rolle spezielles Fensterglas spielt, das natürliches Licht unverfälscht durchlässt –, folgt im zweiten Teil.