28/07/2024
Auf Bonedo erschien am 27.06. der Beitrag – Im Club zu spielen, kann ich mir nicht mehr leisten – in dem eine Musikerin auf die Kostensituation der Klub-Konzerte verweist und auf den ein Veranstalter geantwortet hat. (Links zu den Beiträgen am Ende meines Textes.)
Hier ist meine Meinung dazu:
Eines ist klar: ein Live-Konzert birgt für alle Beteiligten Risiken, auch für das Publikum
Um ein Live-Konzert erfolgreich zu gestalten und eines Tages vielleicht sogar davon leben zu können, braucht es Engagement, Herzblut und neben einem sehr langen Beharrungsvermögen, nicht wenige fachliche Kenntnisse und kluge Entscheidungen, wenn man keinen wirtschaftlichen Schiffbruch erleiden will.
Das liest man auch im Beitrag von Catharina Boutari – Im Club zu spielen, kann ich mir nicht leisten – und dem Spezial/Schwerpunkt von Backstage PRO – Veranstalter und Künstlerin einig: Clubkonzerte für Newcomer sind kaum finanzierbar.
Liest man noch die Kommentaren unter den Beiträgen, sind sich auch hier alle weitestgehend einig: der Publikumszuspruch für Newcomer- und Klub-Konzerte, lässt oft mehr zu wünschen übrig, so dass die Ticketerlöse vielfach nicht die Kosten solcher Veranstaltungen decken.
Ein Gutes hat haben die fast einstimmigen Erklärungen: Künstler und Veranstalter, weisen sich nicht gegenseitig die Schuld zu, wenn es um die zunehmende Unfinanzierbarkeit eines Live-Auftritts für Newcomer, geht.
Als Ursache des ganzen Übels wird ebenfalls fast einhellig die Musikindustrie im Allgemeinen, bzw. die großen Plattenfirmen, Streaming-Dienste und Ticketing-Firmen im Speziellen, als Hauptproblem, oder besser als Hauptverursacher, dieses Dilemmas ausgemacht.
Aber ist das richtig?
Tatsächlich scheint sich die Musikindustrie – oder ist es inzwischen treffender zu sagen, die Unterhaltungsindustrie – in den letzten Jahren verstärkt auf Mega-Konzerte und Streaming-Angebote zu konzentrieren und versucht über die teilweise abenteuerliche Preisgestaltung ihrer Ticketing-Portale auch noch den letzten Cent aus den Taschen der Konzertbesucher zu ziehen.
Gewinnmaximierung durch industrielle Auswertung, nennt man das. Mit anderen Worten gesagt, hat es die Industrie perfekt verstanden und aus der altehrwürdigen Weisheit – was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht – die für sie richtigen Schlüsse gezogen und wiederkäut nun Jahr für Jahr das Gleiche weltweit in großen Arenen und Stadien.
So beeindruckend und anziehend die Ergebnisse der sich im technischen Bereich von Sound-, Licht-, Video-, Laser- und Feuer-Shows gegenseitig permanent überbietenden Mega-Events für das Publikum auch sind, künstlerische Innovation findet hier längst nichtmehr statt. Die Shareholder und Bosse dieser Industrie machen Kasse und sägen sich damit mittelfristig betrachtet, gleichzeitig den Ast ab, über den sie auf den Baum ihres aktuellen Profits geklettert sind. Musikalischer Nachwuchs und damit der Nachschub für zukünftige Mega-Events bleibt außenvor und so ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Industrie eine Cashcow suchen muss, denn die Mega-Stars kommen langsam ins Alter.
Wie man auch in den schon erwähnten Beitragskommentaren liest und in den Spielplänen vieler vor allem privatwirtschaftlich betriebenen Musik-Klubs lesen kann, setzen Klubs bei ihren Konzertveranstaltungen zunehmend auf die Verpflichtung von Tribute-Projekten (Ich verzichte hier bewusst auf die Bezeichnung Band.), oder verlagern ihre Aktivitäten auf kleine Oktoberfest-Plagiate, um dem allgemeinen Kostenstieg mit möglichst hoher Sicherheit ausverkauften Veranstaltungen wirkungsvoll entgegenzutreten, um zu überleben. Sie tun damit im Prinzip genau das im Kleinen, was die Unterhaltungsindustrie im Großen tut. Sie degradieren Musik zu Handwerkt, Konzerte werden zur Dienstleistung und pushen nur die Thekenumsätze und im Besucher dieser Veranstaltungen sieht man in erster Linie einen Konsumenten.
Musik als Handwerk und wie im Supermarkt, ein Beiwerk zur Verkaufsförderung.
Das alles hat natürlich wenig mit Kultur und Nichts mit Kunst zu tun, die sich von Kunsthandwerk bekanntlich dadurch unterscheidet dass sie menschliche Erfahrungen reflektiert, bereichert und mit ihrer Kreativität nach neuen Ideen und Erklärungen sucht.
Die Frage ist also, was haben die Musiker der Newcomer an kreativen Lösungsansätzen, um Publikum wieder vor ihre Bühnen zu holen, um sich sprichwörtlich münchhausengleich an den eigenen Haaren aus dieser Misere zu ziehen?
Zuerst muss man dabei verstehen, dass jeder Besuch eines Konzerts auch das Risiko einer enttäuschten Erwartung eingeht. Insofern sitzen also alle Veranstalter, Künstler und das Publikum im gleichen Boot, das Risko heißt.
Um herauszufinden, wie man Besucher für den Besuch eines Newcomer-Konzerts überhaupt begeistern kann, müsste man sich neben dem Thema der Wirtschaftlichkeit einer solchen Veranstaltung vor allem mit den Erwartungen des erwarteten Besuchers auseinandersetzen. Wie alle, ist auch er den zum Teil empfindlich gestiegenen Lebenshaltungskosten ausgesetzt und zunehmend gezwungen, jeden Euro zweimal rumzudrehen, bevor er ihn ausgibt. Der Konzert-Besucher überlegt heute genauer, ob das für einen Ticketkauf aufzuwendende Geld für ihn wirklich sinnvoll investiert ist. Bevor er ein Ticket kauft, muss er sich also die Frage beantworten – was will und was bekomme ich für mein Geld und ist es mir das Geld wirklich wert.
Dem Thema Marketing und Werbung, dem Charakter der Venue und der Suche nach neuen interessanten Veranstaltungskonzepten, kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu, wenn das Publikum sich vom heimischen Sofa erheben soll, um sich tatsächlich auf den Weg zu einem Klub-Konzert eines Newcomers zu machen.
Es werden also neue kreative Ideen gebraucht, um die Live-Kultur in den Klubs für Newcomer wieder anzukurbeln.
Das hat sich in der Live-Szene anscheinend noch nicht wirklich rumgesprochen. Immer noch hoffen Newcomer einen Veranstalter zu finden der ihnen aufs Pferd der Popularität hilft und sie auch ohne oder mit einer kleinen eigenen Fanbase auf die Live-Bühne hievt, um dann möglichst das ganze Veranstaltungsrisiko zu übernehmen. Warum sonst begegnen uns fast täglich auf den Sozial-Media-Kanälen neu Gruppen, die nach dem Strickmuster – Band sucht Auftritt – gestrickt sind. Wäre da eine Gruppe – Band sucht Band für gemeinsames Konzert – nicht zielführender? Die Bands könnten ihre Fans zusammenbringen und die Wahrscheinlichkeit das Haus zu füllen damit deutlich erhöhen.
Ganz nebenbei würde eine solche Initiative womöglich unter den Besuchern solcher Gemeinschaftskonzerte zur Verbesserung der gegenseitigen Akzeptanz unterschiedlicher künstlerischer Interpretationen und musikalischer Stile beitragen und so dem industriell auf wenige Stars und Songs verengten Musikgeschmack des Konzert-Publikums wieder öffnen.
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Mein Herz brennt seit gut 40 Jahren für Live-Musik und ich habe gerade „Mein erstes Live-Konzert als Veranstalter“ als Buch veröffentlicht. Hier ist den Thema der Veranstaltungskosten und der Frage, was sind angemessene und faire Gagen, viel Raum gegeben. Zum Buch gehören mit dem ConcertCalculator, einem von mir entwickelten Kalkulations-Tool, weitere digitale Anlagen, die es gerade Newcomern ermöglichen, ein öffentliches Konzert selbst zu organisieren und wirtschaftliche Risiken richtig einzuschätzen. Reiner Optimismus, wie ihn Catharina vermutlich bei der Ausrichtung ihres Release-Konzerts hatte, reicht leider nicht aus.
www.live-books.de
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Mein Kommentar zu:
https://www.bonedo.de/artikel/im-club-zu-spielen-kann-ich-mir-nicht-mehr-leisten/ -340219
https://www.felixgraedler.de/clubkultur/nachwuchskuenstlerinnen-in-meinem-club-kann-ich-mir-nicht-mehr-leisten/
Mit diesem live-books Handbuch Schritt für Schritt zu deinem ersten Live-Konzert als Veranstalter. Kosten, Gagen, GEMA, Steuern, Ticketpreise kennen, kalkulieren und abrechnen.